Mag. Dr. Roman Häfele
Häfele R., Neue integrative neuromuskuläre Behandlungskonzepte. Die heilende Kraft der Bewegung (Ganzheitsmedizin Heft 1, Jahrgang 17, April 2004, S. 14 f.)
Die Kneipp Therapie ist eine aktive Ganzheitstherapie, wo Bewegung im Besonderen mit ihrer komplexen Auswirkung auf verschiedenste Krankheitsbilder sehr wirkungsvoll medizinisch-therapeutisch einsetzbar ist.
Ganzheitliche Wirkung von Bewegung
"Bewegung soll nicht nur Training des Bewegungs- und Stützapparates, sondern auch des Herzens, des Kreislaufes und der Atmung bedeuten. Das vegetative Nervensystem steuert unter Mitwirkung der hormonbildenden Drüsen die für die Bewegung notwendigen Voraussetzungen (ausreichende Blutversorgung usw.) und wird dadurch in seiner optimalen Reaktionsfähigkeit gefördert. Letztlich ist auch der psychische Gewinn von entscheidender Bedeutung. So kann man unter Einbeziehung der Organwirkungen, der körperlichen Tätigkeit eine "ganzheitliche" Wirkung zuordnen und sie als sinnvolle Ergänzung der Hydrotherapie zur Seite stellen."
(Krammer Hans: Die moderne Kneipptherapie, in: Walter Hildebrand, 650 Jahre Karthause Gaming/Vielfalt des Heilens, 1992)
Derzeit wird Bewegungstherapie vor allem rehabilitativ und trainingsfokussiert eingesetzt und delegiert; es fehlen ärztlich Ausgebildete, die eine neue Form von Bewegungstherapie selbst führen.
Bewegung ist wirkungsvoll spezifisch einsetzbar
Bewegung ist aber auch (abgesehen von Rehabilitation) sehr wirkungsvoll spezifisch einsetzbar; zum Beispiel Krafttraining
bei nicht insulinabhängigem Diabetes (DM II): "Auch die Normalisierung der Muskelmasse durch Krafttraining verbessert die Glukoseclearance. Sowohl Ausdauer- als auch Krafttraining sind daher für den DM II eine kausale Therapie, während Sulfonylharnstoffe, Biguanide und auch Insulin vor allem symptomatisch wirken. Auch in der Prävention des DM II, bei gefährdeten Personen, ist Bewegung erheblich wirksamer, als eine medikamentöse Prävention."
(Haber Paul: Leitfaden zur medizinischen Trainingsberatung, Rehabilitation bis Leistungssport, Springer Verlag, 2. Auflage, Wien, New York 2005, S. 360)
Die komplexe Wirkungsmöglichkeit von Bewegungstherapie ist heute allgemein bekannt; das Ärztemagazin Nr. 47/05, S 15, beispielsweise führt folgendes Spektrum an:
Dieses ungeheure medizinisch-therapeutische Potenzial ist - aus verschiedensten Gründen, teils aufgrund fehlender Rahmenbedingungen und Ausbildungen - in der alltäglichen ärztlichen Praxis nicht annähernd ausgeschöpft.
Der kneippärztliche ganzheitliche Zugang kann zusätzlich im Wissen um Ordnungstherapie als wirksames psychosomatisches Regulativ den komplexen und ordnenden Effekt von Bewegungstherapie nützen.
Mit Bewegungstherapie kann der älteste Teil unseres Gehirns erreicht werden
"Wasserbehandlung und Bewegungstherapie folgen ähnlichen Mechanismen. Bei beiden Methoden kann neben lokalen Effekten durch systematisch aufgebaute Serienbehandlung der älteste Teil unseres Gehirns erreicht werden. Es sind dies jene Zentren, die unserem Willen nicht unterworfen sind und die wir nicht mit Willensprozessen, sondern nur durch regelmäßiges Training in geordnete Bahnen bringen können"
(Krammer Hans: Kneipp-Ratgeber bei Streß und Überforderung, Karl F.Haug Verlag, Heidelberg 1992, S. 10).
Beispiel für komplexe Wirkung von Bewegungstherapie
Ein Beispiel für eine wünschenswerte komplexe Wirkung einer Therapie ist der unspezifische Kreuzschmerz. Er ist ein häufiges, die Lebensqualität und Wirtschaft beeinträchtigendes Beschwerdebild, wo neben physischen Belastungen am Arbeitsplatz psychische Belastungen und falsche Bewältigungsstrategien anliegen.
Es gibt diesbezüglich bekannter Maßen eine Reihe interdisziplinärer therapeutisch wirksamer Hilfen: Psychotherapie, traditionelles Bewegungstraining wie Kraft, Sensomotorik, Beweglichkeit usw., sowie Schmerzmedikation, wo neben Schmerzmitteln Antidepressiva als Koanalgetika gegeben werden.
Ein anderer, auf dem Kneippschen, ganzheitlichen Zugang beruhender Weg ist das bewusste Nützen der komplexen, sich gegenseitig verstärkenden Wirkungen von neuen Bewegungstherapieformen. Es handelt sich dabei um eine Kombination ausgewählter Elemente aus den Bereichen Sport, Feldenkrais, Manualtherapie nach Tilscher und Körperpsychotherapie nach Boyesen, und individuell unterstützt durch Neuraltherapie und/oder Hydrotherapie. (siehe Häfele Roman: Neue integrative neuromuskuläre Behandlungskonzepte. Die heilende Kraft der Bewegung in: Ganzheitsmedizin Heft 1, Jahrgang 17, April 2004, S. 14 f.) Damit kann eine deutliche positive Wirkung bzgl. Schmerz, körperliche Verfügbarkeit und die psychische Situation herstellt werden.
Die hinlänglich bekannte positive Auswirkung von körperlichem Training wird so in der Kneippschen Bewegungstherapie durch neuestes Wissen um mögliche komplexe Auswirkungen von Bewegung in wirkungsvoller Anwendung präsentiert und ergänzt.
Neuere Erkenntnisse in der modernen Schmerzforschung
Neuere Erkenntnisse speziell im Bereich der modernen Schmerzforschung zeigen, dass ein sehr heilsamer Zugang über differenzierte Körpertherapieformen erfolgen kann. So ist die Schmerzwahrnehmung keineswegs eine starre Moment-zu-Moment-Analyse afferenter Schadsignale, sondern ein dynamischer Prozess, in den die Auswirkungen früherer Erfahrungen und Erlebnisse einfließen. Sensorische Reize wirken somit auf neuronale Systeme, die durch vorausgegangene Inputs modifiziert worden sind (Zieglgänsberger Walter: Chronischer Schmerz: Physiologie, Pathophysiologie und Pharmakologie, Hauptreferat am ÖNR Forum Tyrol in Kitzbühel, Oktober 2001). Die Reizinterpretation und der entsprechende Verhaltensoutput werden durch die "Erinnerung" an die zurückliegenden Ereignisse entscheidend beeinflusst.
Eine gestörte Authentizität und Integrität von Bewegungsabläufen beinhaltet im Sinn der Ganzheit immer beides, physische und psychische Anteile.
Die Aufdeckung gestörter Bewegungsabläufe und Empfindungen und die behutsame Hinführung zur Neuintegrierung ist ein wichtiger Ansatz der oben angeführten neuen Bewegungstherapieformen.
Neuorganisation: belastende Muster durch passende ersetzen
Im Rahmen der vom ärztlichen Therapeuten geführten Bewegungen kann der Betroffene aus eingefahrenen belastenden Bewegungsmustern heraustreten und hat die Chance sie langsam durch passende zu ersetzen.
Durch die fein abgestimmten Bewegungen, die auch als neue Informationsmuster in Wirkung treten, kommt es nach und nach zu einer vollkommenen Neuorganisation im Zusammenspiel aller körperlichen Ebenen. Die belastenden Muster werden dabei durch wesensspezifische harmonisierende Muster ersetzt, gleichzeitig kommt es auch zu einer psychischen Aufhellung und Vitalisierung.
In ihrer körperlich-seelisch-ganzheitlichen Wirkungsmöglichkeit ist Bewegung somit eine potente Säule des Kneipp'schen Therapieansatzes.
Literatur:
Boyesen Gerda: Über den Körper die Seele heilen. Biodynamische Psychologie und Psychotherapie. Eine Einführung, Kösel Verlag, München 1987
Feldenkrais, Moshe: Der Weg zum reifen Selbst. Phänomene menschlichen Verhaltens, Junfermann Verlag, Paderborn 1999
Haber Paul: Leitfaden zur medizinischen Trainingsberatung, Rehabilitation bis Leistungssport, Springer Verlag, 2. Auflage, Wien, New York 2005
Häfele Roman: Neue integrative neuromuskuläre Behandlungskonzepte. Die heilende Kraft der Bewegung in: Ganzheitsmedizin Heft 1, Jahrgang 17, April 2004, S.14 f.
Krammer Hans: Die moderne Kneipptherapie, in: Walter Hildebrand, 650 Jahre Karthause Gaming/Vielfalt des Heilens, 1992
Krammer Hans: Kneipp-Ratgeber bei Streß und Überforderung, Karl F.Haug Verlag, Heidelberg 1992
Zieglgänsberger Walter: Chronischer Schmerz: Physiologie, Pathophysiologie und Pharmakologie, Hauptreferat am ÖNR Forum Tyrol in Kitzbühel, Oktober 2001